Make-up für Tirana -
Ein Streifzug durch Albaniens Hauptstadt
von Ilja C. Hendel

Auf dem Schreibtisch liegen Fotos von grauen Häuserwänden. Hinterlassenschaften von fünfzig Jahren stalinistischer Diktatur. Mit bunten Stiften schraffiert Edi Rama Balkone, Fenstervorsprünge und Mauern der Häuser: blaue Rechtecke, rote Dreiecke, gelbe Flächen entstehen auf dem Papier. Edi Rama ist Künstler – und seit drei Jahren auch Bürgermeister von Tirana. Doch was wie Fotocollagen aussieht, sind Anweisungen für die Maler, die später die bunten Flecken auf reale Fassaden malen werden. Rama will Tirana zu einer bunten, hoffnungsvollen Stadt machen. Aber seine Mittel sind begrenzt: der Haushalt betrug im letzten Jahr 5.5 Millionen Euro. „Was soll ich damit machen? Die Wasserversorgung in einem Vorort sanieren? Da reicht das Geld gerade einmal für ein paar hundert Meter, und keiner sieht den Wandel.“ Daher macht Rama eine Politik, von der Kritiker sagen, sie sei nur Make-up. Dieser Vorwurf lässt Rama kalt: Tirana sei eine schöne, aber arme Frau. „Ich will ihr wenigstens ein Kleid geben, damit sie nicht in Lumpen herumlaufen muss.“

Rama ist mit 38 Jahren nicht nur einer der jüngsten Bürgermeister einer europäischen Hauptstadt, sondern sicher auch der unkonventionellste. Dabei wollte er mit Albanien eigentlich nichts mehr zu tun haben: In einer Novembernacht 1997 lauerten ihm vor seinem Haus vermummte Gestalten auf. Blutig geschlagen wachte er im Straßengraben wieder auf. Es dauerte einige Wochen, bis er wieder hergestellt war. Das Albanien Sali Berishas nach dem Ende des kommunistischen Regimes bot dem Maler und Bildhauer keine Heimat. So trieb es ihn in die Welt: Paris, Berlin und wieder Paris. Als er 2000 zur Beerdigung seines Vaters nach Tirana zurückkehrte, mußte er sich erst einen Anzug kaufen.

Nach der Trauerfeier rief ihn Ministerpräsident Fatos Nano an. Sie kannten sich aus intellektuellen Zirkeln in Tirana. Ob er Kulturminister werden wolle? Gerne erzählt Rama, wie schwer es ihm gefallen sei, vor allem weil er in der neuen Funktion den Anzug wieder täglich tragen müsse. Aber diesen Kompromiss nahm er in Kauf, um unkonventionelle Kleidung gegen unkonventionelle Politik zu tauschen. Kurz nach seiner Vereidigung als Minister für Kultur eröffnete er das erste Kino in Tirana. Das sei „nützlich wie ein Klo im Dschungel“ kommentierte ein Mitarbeiter der EU das Projekt damals. Aber Rama blieb stur: „Albanien brauchte ein Fenster zur Welt.“  Die Menschen müssten sehen, dass es noch ein anderes Leben neben abgewirtschafteten Kombinaten, grauen Wohnsilos und Gewalt auf der Strasse gibt.

...

 

 

Ilja C. Hendel
+49.173.315.21.26

mail[at]iljahendel.com